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Tonaufnahme 301 im Humboldtforum Berlin

Am 24.6.1924 war Friedrich Martin, (*27.7.1898 † 9.5.1984, „Orgelbauer“) zu Besuch bei seinem Cousin Prof. Dr. Bernhard Martin und hat mit ihm zusammen eine Schallplattenaufnahme im Phonetischen Kabinett produziert, die heute im Lautarchiv der Humboldt-Universität im 2022 eröffneten Humboldtforum aufbewahrt wird. Diese Aufnahme wurde von Stella Schmitz gefunden und wird hier für die Einwohner von Freienhagen zugänglich gemacht.

Die Aufnahme enthält 4 Geschichten, die auf Platt erzählt werden. Da die Aufnahmen sehr alt und leise sind, sind diese am Besten mit Kopfhörern zu verstehen. Unter der Audiodatei kann jeweils immer mitgelesen werden.

1/4 Der Ritt auf der wilden Sau


Da war ich auch mal auf eine Jagd bestellt, die wilde Sau aus ihren Nestern zu klappern. Ich machte mich auf die Beine und ging in den Rehhagen1. Von Arolsen2 kamen die Jäger und brachten große Hunde mit. Von da aus machten sie sich in den Berg [=Wald]. Auf einmal hieß es: Jetzt kommt der große Eber. Unter uns Treibern war auch ein Kerl aus Bühle, der hieß Hannes. Der hatte so schiefe Beine, dass man mit der Schubkarre drunter durchfahren konnte. Der wollte sich auch sehen lassen und winkte mit Händen und Füßen. Ich dachte: Der Eber soll deine geraden Glieder nicht zuschanden machen. Ich war auf der Hut und machte mich durch die Äste hinter einen Busch. Und ich dachte, wenn ich der Eber wäre, den Schiefen würde ich schon kriegen. Und was meinst du, der Eber dachte so wie ich. Mit einem Satz war er bei dem Schiefen und kroch zwischen Füßen und Beinen durch und nahm ihn mit. Der Kerl stimmte ein Geschrei an, als wenn ihn einer mit dem Messer steche. Einer von den Jägern rief hinter ihm her: „Hannes, wo willst du hin?“ Da rief er: „Das weiß nur der Eber.“

1 Der Rehhagen ist ein Waldrevier in Freienhagen.
2 Die Jäger kamen aus dem Residenzschloss des Fürsten von Waldeck in Arolsen, die Treiber i.d.R aus dem Ort.

Anmerkung: Siehe „Der Rett off der wellen Sau (Walddörfer)“ notiert in Waldeckische Landeskunde 1909 S. 198

2/4 Auch ein Vergleich


Als unsere Stadt Freienhagen noch selber ein Gericht hatte, kam auf einmal Ecklippen3 alter Ludewig und verklagte seinen Nachbarn den Ahlen [=alten] Figgen. Er sagte, meine Docke [=Sau] ist ein paar Mal in dem seinen Hof [=Garten] gekommen und hat ein ganz klein bisschen gewühlt. Daran ist aber derselbige selber schuld, warum macht er die Lücke nicht zu? Nach ein paar Tagen passt er auf, und als die Docke wieder in den Hof kommt, schlägt er sie auf den Rüssel, dass sie mir verferkelt [=verwirft4]. Nun soll er ihm den Schaden bezahlen. Nun gut, derselbige kommt auf den Termin, – auf der Ratstagung war früher vor Ort ein Gitter, da mussten die Leute vor stehen bleiben. Selbstverständlich stellt er sich auch davor, hängt auf der Lehne und schnappt nach Atem [=Luft]. Er war dümpfig [=kurzatmig]. Der Amtmann fragt ihn, ob er noch was gegen die Klage hätte. „Ö-Ö-Ö“, hustete derselbe, aber verteidigt sich, so gut er kann. Als ihm aber alles nichts helfen will, da sagt er: „Herr Amtmann, nichts für ungut. Aber seien Sie doch einmal die Docke selbst und stecken Sie Ihren Rüssel durch das Gitter und ich schlage Sie auf den Rüssel, verferkeln4 Sie dann?.

3 Hausname der Familie Grass, deren Name achtmal im Ort vorkam. Deren Haus stand auf einer Straßenecke.
4 Fehlgeburt bei der Sau

Anmerkung: Sicher ist das Ganze eine Posse.

3/4 Schäferwitz


Unser Schäfer, der alte Vahland, war auch eines Sonntagmorgens in die Kirche gegangen. Und der Pastor hatte nun auch gerade das Gleichnis vom guten Hirten. Da sagte er nun auch: „Ein guter Hirte bleibt bei seinen Schafen und verlässt seine Schafe nicht.“ Das wurde dem alten Vahland aber doch zu dumm. Er steht auf, pfeift seinem Hund und sagte: „Komm, Lux5, er stichelt.“

5 Lux, sein Schäferhund

Anmerkung: Die gleiche Geschichte wird von Arolsen und Massenhausen auch berichtet.

4/4 Der kleine Herr


Der Katz6 von Wildungen kommt eines Tages nach Barbes auf den Hof, die Frau steht gerade in der Haustür, und der kleine Hermann hängt ihr am Rock. Und fragt: „Habt ihr nichts zu handeln?“ Die Frau sagt: „Der Herr ist nicht zu Hause.“ „Was“, sagt da der kleine Hermann und stellt sich vor die Mutter. „Wenn mein Vater nicht zu Hause ist, bin ich der Herr.“

6 vermutlich der jüdische Händler Katz aus Bad Wildungen

Übersetzt in Zusammenarbeit mit dem Sohn des Erzählers, Friedrich Martin (*1946), Friedrich Schluckebier (*1932), Stella Schmitz (*1983) und Joachim Geldmacher (*1951).

Der Erzähler ist Friedrich Martin (*1898). Die Aufnahme wurde 1924 unter der Leitung von Prof. Dr. Bernhard Martin (1889-1983), Volkskundler und Mundartforscher an der Philipps-Universität Marburg angefertigt. Prof. Martin war Begründer und Mitherausgeber des Deutschen Sprachatlasses.

Die Sprache klingt heute, nach fast hundert Jahren noch genauso lebendig wie heutige Plattsprecher reden, sowohl nach Wortwahl wie auch Sprachführung.

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